An(ge)dacht

Streiten ist eine Kunst und will gelernt und geübt sein

Zum Glück kommen alle Gegenargumente von Leuten, die wegen ihrer Auffassungen völlig indiskutabel sind.

Die beiden Herren auf dem Bild freuen sich. Sie haben einen Satz gefunden, der ihnen weiterhilft. Vor kurzem, so können wir vermuten, haben sie eine wortreiche Auseinandersetzung geführt und anscheinend heftigen Widerspruch geerntet. Aber Rettung ist nahe: Zum Glück, stellt der eine verschmitzt und erleichtert fest, kommen alle Gegenargumente von Leuten, die wegen ihrer Auffassungen völlig indiskutabel sind. Das sitzt. Ich muss die anderen gar nicht ernst nehmen, heißt das ja. Die anderen sind indiskutabel. Eigentlich brauche ich auch gar nicht mehr auf sie hören. Und umgekehrt heißt das natürlich sofort: Was immer die anderen auch vorzubringen haben, ich habe trotzdem recht, bleibe bei meiner Meinung.

Ich habe den Eindruck, solche Ansichten gehören heute zu einer ziemlich verbreiteten Streitkultur. Die anderen können sagen, was sie wollen, ich habe trotzdem oder sowieso oder gerade deswegen recht. Die Argumente der anderen können sein, wie sie wollen – vor allem sind sie indiskutabel. Man nennt so etwas oft mit Recht ein »Totschlagargument«. Was immer die anderen sagen – sie müssen im Unrecht sein, weil ich ja recht habe. Mit solch einem Gedanken erschlägt man alles. Tief im Inneren sitzt die feste Überzeugung: Ich habe recht, da können die anderen sagen, was sie wollen.

Leider begegnet man dem nicht nur im Bundestag oder in Landtagen, sondern auch in den Gemeinden. Es wird nicht mehr auf andere gehört, sondern nur noch recht gehabt. Es werden keine Argumente mehr ausgetauscht, um den besten Weg zu finden, sondern die Argumente anderer werden umgehend verworfen, weil man ja selbst sowieso recht hat.

Streiten ist eine Kunst und will gelernt und geübt sein. Wir haben gerade als Christen prominente Vorbilder, die zeigen, wie es gehen kann. Man muss im Neuen Testament gar nicht lange suchen, um zu merken: Hier wird viel gestritten und um den richtigen Weg gerungen. Jesus wird immer wieder in Streitgespräche verwickelt und Paulus, von dem ja die meisten Briefe im Neuen Testament stammen, streitet mit Menschen aus den Gemeinden, die er gegründet hat, über alle möglichen Themen. Bei ihnen fällt jedoch auf: Wer sich seiner Sache sicher ist, kann anderen zuhören und ihnen nicht gleich etwas unterstellen. Wer sich seiner Argumente sicher ist, kann abwarten, dass sie sich durchsetzen, muss andere nicht »fertig machen«.

Wer überzeugt ist, muss andere nicht abwerten, um den eigenen Argumenten Nachdruck zu verleihen. Streiten heißt lebhaftes und aufrichtiges Reden und Hören, auch mit dem Gedanken im Hinterkopf: Der andere könnte recht haben.

Christlicher Glaube hat viel mit dem Wort zu tun, aber nicht mit recht haben müssen. Wer zuhört, erkennt sich selbst. Wer sich selber besser kennt, weiß, dass er nicht immer recht hat.

Pfarrer Volker Horlitz

Die Lutherdekade der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) startet in ihr letztes Themenjahr. Ehrenamtliche Botschafterinnen und Botschafter werben bis Oktober 2017 für dieses Großereignis. Sie erzählen aus ihrer ganz persönlichen Sicht, was Reformation, Martin Luther und der christliche Glaube für ihr Leben bedeuten.

Gundula Gause, Jürgen Klopp, und Eckart von Hirschhausen gehören zu den mehr als 20 Prominenten, die sich für das Reformationsjubiläum engagieren. An dieser Stelle lassen wir sie zu Wort kommen.

Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben.

Jahreslosung 2017: Ezechiel 36,26

Ezechiel war ein Prophet, der zurückblickte, deutete und vorausschaute. Er war Sohn eines israelitischen Priesters und gehörte zur ersten Generation derer, die rund 600 Jahre vor Christus ins erste babylonische Exil geführt wurden.

In seinem Rückblick deutete er die Geschichte als Versagen des Volkes und seiner Führer vor Gott und die schreckliche Erfahrung des Exils als Gottes Strafe. Später in seinen prophetischen Schriften sieht er die Rückkehr des Volkes in seine Heimat und den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem voraus.

Damit Raum sein kann für etwas Neues, muss Anderes zurückbleiben. Und das ist oft gar nicht so leicht. Menschen verharren in ihrem Elend, bringen nicht die Kraft auf, sich von dem zu verabschieden, was schon lange nicht mehr gut tut.

Etwas ganz Neues anfangen, den Aufbruch ins Ungewisse zu machen, wann haben Sie das zum letzten Mal gewagt?
War das etwas, wozu Sie gedrängt wurden oder was aus Ihnen selbst heraus kam? – Ein Umzug in eine fremde Stadt, ein Jobwechsel, eine neue Beziehung? Was haben sie hergegeben und was gewonnen?

Die Jahreslosung will zu einem Neuanfang Mut machen:
Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben. Ezechiel richtet dieses Gotteswort an seine Landsleute und Glaubensgeschwister, die Vertreibung, Flucht und Heimatlosigkeit erlebt haben. Eine politische Dimension, die gegenwärtig eine besondere Aktualität hat. Mehr als 63 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht! Sie brechen auf, lassen Vieles zurück, um an neuen, noch unbekannten Orten von vorne anzufangen, einfach weil sie ihr Leben retten wollen.

Die Ermutigung, dass Neuanfänge mit Gottes Hilfe gelingen können ist eine Ermutigung für uns alle. An die, die fliehen müssen und an die, die ihnen bei einem guten Neuanfang helfen können.

Ich wünsche Ihnen für Ihre Aufbrüche, Kraft, viel Herz, Lebendigkeit und den guten Geist Gottes!
Ihr Pfarrer Lutz Martini

Kirche in Bewegung -
Reformation seit 500 Jahren im Rheinland

Kirche in Bewegung - Jahresthema 2017

Predigten

Einmal im Monat zeichnen wir einen Gottesdienst (CD-Gottesdienst) aus dem Gemeindehaus Sandheide auf, um ihn Gemeindegliedern zur Verfügung zu stellen, die nicht am Gottesdienst teilnehmen können. An dieser Stelle wollen wir in regelmäßigen Abständen eine Predigt im MP3 Format zum Download bereit stellen. Wer will, kann den Text der Predigt, soweit vorhanden, auch nachlesen.