An(ge)dacht

Pfarrer Volker Horlitz
Pfarrer Volker Horlitz

Bei einer Umfrage, was sich Menschen für das neue Jahr wünschen, antwortete die überwältigende Mehrheit: Mehr Zeit für sich selbst und mehr Zeit für die Familie. Darin drückt sich die Sehnsucht nach Entschleunigung, nach mehr Ruhe aus. Denn der Alltag mit übervollen Terminkalendern und immer höheren Anforderungen beansprucht oft alle Kräfte. Wann haben wir da noch Zeit für uns?

Schon das Volk Israel zur Zeit des Alten Testaments kannte den Zusammenhang von Anspannung und Entspannung und geht sogar noch einen Schritt weiter. Im 5. Buch Mose 5,14 lesen wir: »Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter und dein Sklave und deine Sklavin und dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh und dein Fremder in deinen Toren.« (Einheitsübersetzung). Hier wird festgehalten: Wir Menschen brauchen regelmäßige Auszeiten und den Schutz dieser Ruhezeiten. Die Pläne der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen, die Zahl der verkaufsoffenen Sonntage von derzeit vier auf acht zu verdoppeln zeigen, wie sehr der Schutz von Ruhezeiten gefährdet ist. Deshalb hat sich die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland deutlich gegen die Pläne der Landesregierung ausgesprochen. Begleitet wird diese Kritik auch durch die Aktion der rheinischen Kirche in den sozialen Medien #unser Sonntag ist uns #heilig. Aber auch wenn für viele Menschen der Sonntag aus unterschiedlichen Gründen kein Ruhetag sein kann, so ist das kein Grund, auf Ruhe zu verzichten.

Ruhe ist Gottesnähe. Wer zur Ruhe kommt, kommt auch zu sich selber. Da gebe ich ganz bewusst dem Raum, was sich in mir an Erlebnissen und Erfahrungen angesammelt hat. Und das ist nicht immer nur schön. Da stelle ich mich ja auch dem, was mich verletzt hat, was mir misslungen ist. Deswegen wird Ruhe oft umgangen, indem man sich ablenkt. Da kommt das Machbare gerade recht. Im Tun übertönen Menschen gerne, wer sie sind. Tun ist nichts Schlechtes, natürlich nicht.

Es liegt aber auch immer ein wenig oder viel Übertönen darin. Doch wo ich mich traue, einfach einmal nichts zu tun, nur den Gedanken freien Lauf lasse, mache ich die Erfahrung: Ich muss mich nicht selbst zusammenhalten durch ständiges Tun, sondern werde gehalten. Ich bin auch wertvoll, wenn ich nur schaue: auf mich und auf Gott. Damit ich hören kann, wie er sagt: Du bist mir wichtig.
Um das zu hören, gibt es die Ruhe. Ich muss sie nur aufsuchen. Manchmal ist das in der eigenen Wohnung nicht so leicht umzusetzen. Auch deshalb gibt es die Initiative »offene Kirchen«, an der sich auch unsere Kirchengemeinde schon seit vielen Jahren beteiligt. Die Neanderkirche ist tagsüber verlässlich von 10 bis 16 Uhr geöffnet und bietet damit Raum zur Stille und Einkehr. Denn die Seele ist schneller erschöpft, als manche wahrhaben wollen. Was der Körper schafft, schafft die Seele noch lange nicht. Bei einem fortwährenden »Noch mehr« oder »Immer so weiter« macht die Seele oft nicht mehr mit. Sie ist da, aber nicht dabei. Sie sieht und hört vielleicht, nimmt aber nichts mehr richtig wahr. Die Seele erholt sich bei Stille, beim Nichtstun. Die vielen Eintragungen im Gäste- und Gebetbuch spiegeln diese Erfahrung: Sie zeigen, die besondere Atmosphäre einer Kirche erleichtert es Menschen, ganz bei sich zu sein, zur Ruhe zu kommen und sich Gott zu öffnen. Probieren Sie es aus!
Volker Horlitz

Literaturempfehlung:
Ulrich Schnabel, Muße: Vom Glück des Nichtstuns

Gedanken zur Jahreslosung 2018

Jahreslosung im Verlag am Birnbach - Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen

Geburtstage, Beerdigungen, Klassentreffen oder auch Jahreswechsel können einen dazu bringen Rückschau zu halten und über das eigene Leben nachzudenken: Was ist aus meinen Träumen geworden? Welche Ziele habe ich noch? Bin ich mit meinem Leben, so wie es, ist zufrieden – oder fehlt da etwas? Zahlreiche Möglichkeiten bieten sich uns, unseren Lebensdurst zu stillen. Meistens packen wir viel in unser Leben hinein, in der Hoffnung, damit die Fülle zu haben. Selbst unsere Freizeit besteht zum Großteil aus Aktion. Zur Ruhe und in die Stille kommen wir dabei nicht. Voll ist unser Leben. Doch trotz der Fülle fühlen wir uns innerlich leer und müde – und lebensdurstig.

»Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.« Ob das stimmt? Ich werde misstrauisch: Umsonst? Was nichts kostet, kann auch nichts sein! In unserer Welt muss doch für alles bezahlt werden. Bei Gott, der das sagt, ist das wohl anders. Er schenkt voll ein, lebendiges Wasser, das den Durst stillt. Er nimmt uns an, so wie wir sind. Sinnvolles Leben besteht darin, sich auf Gott einzulassen und zu spüren, dass dort eine Quelle ist, wo wir auftanken und uns stärken lassen können. Davon erzählen die Psalmen, einige Geschichten der Bibel und auch Jesus selbst. Wir brauchen nur aus dieser nicht erschöpfenden Quelle zu trinken. Und dann?

Es bleiben in unserem Leben die Brüche, Fehlentscheidungen und verpassten Chancen. Es bleiben Krisen, Krankheit, Tragik und Tod. Jeder Mensch bleibt weiterhin geprägt durch das, was er erlebt hat, durch die Familie, durch das, was man »Veranlagung« oder auch »die Gene« nennt. Aber unsere Lebenswege sind noch nicht zu Ende geschrieben. Gott lädt uns ein, zu einem Leben mit ihm. Wir sind von höchster Stelle gewollt. Wir haben noch Lebenszeit vor uns. Diese Zeit gestalten wir selbst, denn wir sind auch die, die durch unsere eigenen Entscheidungen mit lenken, damit es besser wird mit uns und dieser Welt. Mit Gottes Hilfe tun wir das. Ich finde, das ist eine hoffnungsvolle Botschaft zum Beginn des neuen Jahres.

Pfarrer Ernst Schmidt aus Mettmann

Foto: Lehmann
Foto: Lehmann

Monatsspruch Juni 2018

Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.
Hebräer 13,2

Gäste und Gespräche beflügeln

Wer sich auf eine ablehnende Haltung eingeschossen hat, der öffnet weder Türen noch Herzen. Es sei denn, er selbst erlebt Gastfreundschaft, ist vielleicht sogar als Gast auf helfende Hände und Ideen angewiesen.

Ich weiß, oft vergessen wir solche Erlebnisse oder halten sie für guten Service am Urlaubsort, den wir ja schließlich bezahlt haben. Manchmal staune ich auch darüber, dass ich bei meinen, nun schon erwachsenen Kindern erlebe, dass völlig unkompliziert das Haus voller Gäste ist, Matratzen auf dem Boden verteilt werden und die Küche von Gesprächen und Essensdüften erfüllt ist. Hatte ich doch schon den Eindruck, dass das ständig volle Pfarrhaus die Kinder eingeschränkt hat

Keineswegs, hörte ich später, im Gegenteil: So wollen wir auch Freundschaften pflegen und Bekanntschaften entdecken!
„Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ­ahnen, Engel beherbergt“: Mag sein, dass dieser biblische Text (Hebräer 13,2) keine Anleitung für Familien- und Freundschaftspflege ist, aber wer die Tür nicht für Bekanntes öffnet, wer sich einigelt, der wird wohl kaum Fremdem Zutritt in Haus und Herz gestatten.
Ob da auch ein Engel in unserer Wohnung zu Besuch war, weiß ich gar nicht so genau. Jedenfalls haben uns Gäste und die Gespräche mit ihnen beflügelt, und in deren Abwesenheit fliegen manche Gedanken, Telefonate oder Gebete hin und her.
Carmen Jäger

Predigten

Einmal im Monat zeichnen wir einen Gottesdienst (CD-Gottesdienst) aus dem Gemeindehaus Sandheide auf, um ihn Gemeindegliedern zur Verfügung zu stellen, die nicht am Gottesdienst teilnehmen können. An dieser Stelle wollen wir in regelmäßigen Abständen eine Predigt im MP3 Format zum Download bereit stellen. Wer will, kann den Text der Predigt, soweit vorhanden, auch nachlesen.