Joachim Neander – Der Mann, dessen Namen unsere Kirche trägt
Eine Zeit voller Spannungen
Die Zeit, in die Joachim Neander 1650 hineingeboren wurde, war für die deutsche evangelische Kirche eine Zeit der Unruhe und des Aufbruchs. Das Prinzip Cujus Regio cujus religio (wie der Regent, so die Religion) galt nicht mehr uneingeschränkt.
Auch Gemeinden, die bisher nur im Untergrund gelebt hatten, durften nun unbehelligt, wenn auch mit Einschränkungen, Gottesdienste feiern und Kirchen erbauen.
In den vorhergehenden Zeiten mit oft ganz massiver Verfolgung war um der Selbsterhaltung der Gemeinden willen viel kirchliches Leben erstarrt. Zwischen Reformierten und Lutheranern gab es kaum Gemeinsamkeiten. Man misstraute sich gegenseitig und schirmte sich ängstlich voneinander ab.
Vor allem die Reformierten betrachteten Ordnung und Kirchenzucht als unverzichtbare Kräfte zum Erhalt der reinen Lehre.
Aufbrüche: Pietismus und neue Frömmigkeit
Doch fehlte es nicht an Menschen, die sich um innere Erneuerung bemühten. In Frankfurt a. M. begründete Philipp Jakob Spener den Pietismus. Sein Hauptanliegen war die Herzensfrömmigkeit des einzelnen Christen.
In ähnlicher Weise wirkte im reformierten Bremen Theodor Undereyk. Sein Glaubensleben und seine Persönlichkeit beeinflussten den jungen Joachim Neander so sehr, dass eine lebenslange Freundschaft entstand.
Unter dem Einfluss des Pietismus begannen Lutheraner und Reformierte sich ihrer Gemeinsamkeiten bewusst zu werden und sich innerlich einander anzunähern.
Spener und Undereyk sammelten Gleichgesinnte in kleinen Gruppen, den sogenannten Konventikeln. Dort studierte man intensiv die Bibel und suchte nach einem Leben, das von Gottes Willen und der biblischen Botschaft geprägt war.
Äußere Einflüsse: Die Labadisten
Zugleich wirkten von Frankreich her die Labadisten. Diese Bewegung, die auf den ehemaligen Jesuiten Labadie zurückging, ging weit über den Pietismus hinaus. Die Erweckten sonderten sich streng von der Masse der Gläubigen ab und duldeten keine Unentschlossenen oder Suchenden in ihren Reihen.
Schließlich spalteten sie sich ganz von der öffentlichen Gemeinde ab. In diesen Zwiespalt wurde auch Joachim Neander hineingezogen.
Studium und erste Jahre
Nach dem Tod des Vaters begann Neander mit erst 16 Jahren das Studium der Theologie in Bremen. Ende 1670 oder Anfang 1671 schloss er es ab.
Es war üblich, dass junge Theologen in der Wartezeit auf ein Pfarramt einige Jahre als Lehrer oder Erzieher tätig waren. So betreute Neander zunächst die Söhne reformierter Kaufleute aus Frankfurt in Heidelberg und war später als Kandidat des Predigtamtes in Frankfurt tätig.
Dort lernte er Philipp Jakob Spener kennen und den Juristen Johann Jakob Schütz, den Dichter des Liedes „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“. Die gemeinsame Liebe zum geistlichen Lied verband sie.
Vermutlich entstanden in dieser Zeit schon einige seiner eigenen Lieder.
Der junge Rektor in Düsseldorf
1664 berief die reformierte Gemeinde in Düsseldorf den erst 23-Jährigen als Rektor an ihre Lateinschule. Eine Entscheidung, die bald Schwierigkeiten brachte. Viele orthodoxe Reformierte sahen den Pietismus als Bedrohung und verdächtigten seine Anhänger des versteckten Labadismus.
Als Neander 1676 während einer Ruhrepidemie neben seiner Schule auch Gemeindeglieder besuchte und sich später mit einigen von ihnen zu privaten Erbauungsstunden traf, kam es zum Konflikt mit der Gemeindeleitung.
Man warf seinen Konventikeln spalterische Tendenzen vor. Selbst sein Freund Undereyk erkannte bei ihm einen Hang zum Elitären, den er für unvereinbar mit der Nachfolge Jesu hielt. Neander sah dies schließlich ein und unterwarf sich der Gemeindedisziplin.
Die Atmosphäre blieb jedoch angespannt.
Rückkehr nach Bremen – und ein früher Tod
1679 nahm Neander einen Ruf als Hilfsprediger an St. Martini in Bremen an. Doch bereits 1680 starb er mit nur 30 Jahren an einer schweren Krankheit, möglicherweise an der Pest.
Die Felsen und das Tal
Die schwierige Zeit in Düsseldorf brachte der evangelischen Kirche dennoch einige ihrer liebsten Lieder. Viele entstanden in der wildromantischen Felsenregion zwischen Düsseldorf und Elberfeld.
Dort versammelte er sich heimlich mit Gleichgesinnten. Eine der Kalksteinhöhlen trug seinen Namen, ebenso ein Stein, der wegen seiner Ähnlichkeit zur Kanzel „Neanderstuhl“ genannt wurde.
Die Felsen existieren heute nicht mehr. Sie fielen im 19. Jahrhundert dem Kalkabbau zum Opfer. Der Name aber blieb – und entwickelte sich zum Namen des gesamten Tals.
Neanders Lieder – ein neues Kirchenlied
Neanders Lieder leiteten eine Reform des reformierten Liedguts ein. Bis dahin sang man dort nur gereimte Psalmen.
Neander blieb den Psalmen verbunden, wählte aber die auch in der weltlichen Dichtung des Barock üblichen Versformen. Typisch für ihn war der Wechsel von langen und kurzen Zeilen.
Sein bekanntestes Lied ist „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“. Es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und weltweit bekannt.
Im Evangelischen Gesangbuch stehen mehrere seiner Texte:
- „Wunderbarer König“ (Nr. 235)
- „Der Tag ist hin“ (Nr. 365)
- „Himmel, Erde, Luft und Meer“ (Nr. 496)
- „Sieh, hier bin ich, Ehrenkönig“ (Nr. 516)
Text: Wilma Klevinghaus
