Architektur der Neanderkirche

Neanderkirche Luftaufnahme

Anmerkungen zur Architektur von Klaus Simon

Wer Kirche sagt, kann beides meinen: das Gebäude, in das die Menschen zum Gottesdienst gehen, und die Menschen, die eine Gemeinde bilden. So sollte das Jubiläum eines Kirchbaus auch Anlass sein, nach dem Selbstverständnis der Gründergemeinde zu fragen, soweit es sich aus der Architektur erschließen lässt, und was dieses für uns heute möglicherweise bedeuten könnte. Als in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nach dem Bau der Düsseldorf-Elberfelder Eisenbahn und der Entdeckung der Eisenerzlagerstätten in Hochdahl eine Phase der Industrialisierung einsetzte, entstanden dadurch zahlreiche Arbeitsplätze, bsw. in der Hochdahler Hütte, den Kalköfen, der Weberei Schlieper und der Ziegelei. So regte sich unter der anwachsenden evangelischen Bevölkerung Hochdahls und Millraths der Wunsch nach einer eigenen Kirche vor Ort.

Neanderkirche - Nordseite Neanderkirche - Ostseite

Und was uns heute Bewunderung abverlangt, initiiert von 11 Gemeindegliedern und nicht vom Presbyterium in Erkrath – nach der Stiftung des Grundstücks durch Kommerzienrat Adolf Boeddinghaus und der Gründung eines Bauvereins konnte das Gotteshaus am 23. Juli 1905 eingeweiht werden. Auf den ersten Blick teilt die Neanderkirche die Gestalt vieler um die Jahrhundertwende entstandener Bauten. Das rustizierte Mauerwerk aus dem Stein der heimischen Brüche wirkt so trutzig wie die Denkmäler der wilhelminischen Ära oder ist wie der steingewordene Imperativ, ganz im Einklang mit den Inschriften der beiden Glocken „Wacht!“ und „Unbeweglich im Herrn!“. Aber bereits die für einen Kirchbau eher ungewöhnliche Dachform, ein sich kreuzendes Krüppelwalmdach, verweist auf ein anderes, für die Erbauer und uns heute wohl wesentlicheres Anliegen – dieser Ort bietet Schutz, Geborgenheit, Vertrautheit. Das bestätigt der Turm, der als einziges Bauelement aus dem streng symmetrischen Grundriss seitlich versetzt ausschert. Mit seiner geringen Höhe erzielt der gestufte Turmhelm kaum Fernwirkung, vermag er schon gar nicht zu repräsentieren.

Anders als manch eklektizistischer Gründerzeitbau, bei dem das Innere nicht hält, was die häufig reich verzierte Fassade verspricht, überrascht die Neanderkirche in Umkehrung dieses Prinzips mit ihren inneren Werten. Zwar wird die außen noch deutliche Gliederung in Längs- und Querhaus nicht aufgegriffen, denn das Mittelschiff geht unvermittelt in den Chor oder Altarraum über. Es finden sich auch all jene Stilformen, die dieser Epoche die eher abwertende Bezeichnung Historismus eingetragen haben: auf dem neuromanischen Tonnengewölbe ein fast barocker Deckenstuck, die zwei Säulen mit kanneliertem Schaft und Knospenkapitell geben sich ganz klassizistisch – aber es gelang, diese die Bautradition selbst thematisierenden Stilelemente zu einer überzeugenden Einheit zu führen und um Neues zu bereichern. Der Kämpferaufsatz über den Säulen zeigt in seinem Rosenornament bereits die Formsprache des Jugendstils in seiner strengen, abstrahierenden Variante. Am mutigsten drückte der Architekt Heinrich Plange aus Elberfeld diese Dynamik jedoch im Rundfenster der Westfassade aus. Keine in sich ruhende Rosette, sondern ein gespanntes Hufeisen auf horizontaler, innen verkürzter Basis krönt das ansonsten bescheidene „Gesicht“ der Kirche.

Beleuchtung im Innenraum der Neanderkirche

Letztendlich erweist sich in dieser stilistischen Verbindung von erinnernden und erneuernden Momenten unsere Neanderkirche, die von gründerzeitlicher Aufbruchstimmung zeugt, als ein vorbildlicher Bau – gerade heute, da wir im Presbyterium, genötigt durch rückläufige Kirchensteuereinnahmen, darüber nachdenken, ob es den Gemeindegliedern zuzumuten ist, durch eigenen tatkräftigen Einsatz zum Erhalt kirchlicher Einrichtungen beizutragen.

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