Notfallseelsorge: Eben war die Welt noch in Ordnung

Wenn das Handy von Axel Dörschlag alarmiert, ist für andere Menschen gerade eine Welt zusammengebrochen. Als Notfallseelsorger begleitet er Menschen in den ersten Stunden nach einem plötzlichen Todesfall, einem schweren Unfall oder einer anderen Ausnahmesituation. Er beschreibt, was Notfallseelsorge leisten kann und warum manchmal schon das Dasein hilft.

Axel Dörschlag, Notfallseelsorger
Axel Dörschlag engagiert sich als Notfallseelsorger.

Wenn der Alarm kommt

Ein plötzlicher Herzinfarkt am Frühstückstisch, ein tödlicher Unfall auf der Autobahn oder die Überbringung einer Todesnachricht nach einem Suizid. Innerhalb weniger Augenblicke kann für Angehörige die vertraute Welt zusammenbrechen.

„Wenn mich mein Handy alarmiert, befinden sich Menschen in einer schweren seelischen Krise“, beschreibt Axel Dörschlag diese Situationen.

Notarzt oder Polizei fordern dann die Notfallseelsorge an. In der Regel fahren zwei Notfallseelsorger gemeinsam zum Einsatz.

Dorthin gehen, wo andere weggehen

Vor mehr als vier Jahren entschied sich Axel Dörschlag für die Ausbildung zum Notfallseelsorger. Er wollte lernen, Menschen in Ausnahmesituationen zu begleiten und ihnen dabei zu helfen, trotz Schmerz und Unfassbarkeit die nächsten Schritte zu gehen.

Ein Satz aus seiner Ausbildung ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Notfallseelsorger müssten lernen, mit „toxischen Situationen“ umzugehen und in Situationen hineinzugehen, aus denen andere herausgehen.

„Dass es dabei auch um Grenzen der eigenen psychischen Belastbarkeit geht, hatte ich zunächst so nicht berücksichtigt.“

Wenn plötzlich nichts mehr ist, wie es war

Zu den häufigsten Einsätzen gehört ein plötzlicher Todesfall zu Hause. Polizei, Notarzt, Kriminalpolizei und Bestatter sind vor Ort. Viele Menschen wollen etwas von den Angehörigen wissen oder müssen Entscheidungen mit ihnen treffen. In dieser Situation fühlen sich Betroffene häufig überfordert und fassungslos.

Zu den schwierigsten Aufgaben gehört die Überbringung einer Todesnachricht. Diese Verantwortung liegt bei der Polizei. Notfallseelsorger begleiten die Beamten dabei regelmäßig.

„Wir erleben, wie ein einziger Satz das Leben der Angehörigen verändert. Eben war die Welt noch in Ordnung. Dann wird dieser Satz ausgesprochen und nichts ist mehr, wie es war.“

Besonders herausfordernd sind Einsätze, bei denen Kinder betroffen sind. Dann geht es darum, sich auf ihre Wahrnehmung einzulassen und schwere Wahrheiten so ehrlich und zugleich so behutsam wie möglich zu vermitteln.

Von Schulnotfällen bis zu großen Einsatzlagen

Notfallseelsorge wird nicht nur nach Todesfällen im privaten Umfeld gebraucht. Auch Schulnotfälle und große Einsatzlagen, etwa nach Katastrophen oder Amokläufen, gehören zu den möglichen Aufgaben.

Wenn viele Menschen gleichzeitig betreut werden müssen, ist ein großer Personaleinsatz notwendig. Die Notfallseelsorger sind mit ihren violetten Jacken auch für Polizei und Rettungskräfte gut erkennbar.

Axel Dörschlag richtet seinen Blick dabei nicht nur auf diejenigen, die laut weinen, schreien oder hektisch reagieren.

„Unser besonderes Augenmerk gilt auch dem Menschen, der besonders unauffällig ist.“

Notfallseelsorger bleiben in der Nähe und versuchen, Betroffene soweit wie möglich vom Chaos des Geschehens abzuschirmen.

Ersthelfer für die Seele

Was macht Notfallseelsorge eigentlich, wenn eine Tragödie über Menschen hereinbricht? Axel Dörschlag beschreibt die Aufgabe mit einem einfachen Bild:

„Wir sind Ersthelfer für die Seele.“

Notfallseelsorger hören zu, schweigen mit den Betroffenen und halten Verzweiflung, Trauer und die Frage nach dem Warum mit aus.

Manchmal hilft es, ein Glas Wasser zu reichen. Manchmal bedeutet Hilfe, sich einfach wortlos dazuzusetzen und einen geschützten Raum zu schaffen, in dem geweint oder geschrien werden darf oder auch völlige Stille herrschen kann.

Wenn das Unfassbare nicht in Worte gefasst werden kann, bekommt das einfache Dasein eine besondere Bedeutung.

„Wir lassen die Trauernden mit ihrem Schmerz nicht allein.“

Die nächsten kleinen Schritte

Notfallseelsorge kann das Geschehene nicht rückgängig machen. Sie kann aber dabei helfen, in einer Situation, die vollkommen unübersichtlich geworden ist, die nächsten kleinen Schritte zu gehen.

Dazu gehört, Halt und Orientierung zu geben und gemeinsam zu überlegen, wer die Betroffenen in den kommenden Stunden und Tagen unterstützen kann. Nachbarn, Freunde oder Verwandte können zu einem wichtigen Netzwerk werden.

Axel beschreibt die Grundhaltung der Notfallseelsorge so:

„Wir sind bei Ihnen, solange Sie uns brauchen.“

Die Begleitung erfolgt unabhängig von Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung. Wenn Betroffene es wünschen, kann auch ein gemeinsamer Abschied von einem Verstorbenen, ein Gebet oder eine Aussegnung dazugehören.

Auch die eigene Seele braucht Schutz

Notfallseelsorger werden umfassend auf ihre Aufgaben vorbereitet. Trotzdem geht das Erlebte nicht spurlos an ihnen vorbei.

Axel erinnert sich an einen Einsatz, bei dem ein Ehemann morgens mit seinem Säugling neben seiner verstorbenen Frau aufwachte.

„Da war auch ich völlig fassungslos. Der Einsatz hat mich noch Tage beschäftigt.“

Damit Notfallseelsorger mit solchen Erfahrungen langfristig umgehen können, gibt es regelmäßige Treffen. Dort werden Einsätze besprochen und Erfahrungen ausgetauscht.

Für Axel gehört auch der eigene Glaube zu den Quellen, aus denen er Kraft für diese Arbeit schöpft.

„Ich bin davon überzeugt, dass wir Menschen nicht auf uns selbst gestellt sind, sondern dass Gott uns trägt und uns die Kraft gibt, Sprachlosigkeit und Ohnmacht auszuhalten.“

Dasein im schlimmsten Moment

Notfallseelsorge ist eine belastende Aufgabe. Trotzdem macht Axel Dörschlag sie gerne.

„Dem Menschen in seinem schlimmsten Moment beistehen zu können, ist ein gutes Gefühl.“

Notfallseelsorge unterstützen

Die Notfallseelsorge begleitet Menschen nach plötzlichen Todesfällen, schweren Unfällen und in anderen Ausnahmesituationen. Damit Ausbildung, Einsatzbereitschaft und Ausstattung dauerhaft gesichert werden können, entsteht derzeit ein Förderkreis.

Weitere Informationen zum Förderkreis Notfallseelsorge

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Text: Axel Dörschlag, Notfallseelsorger

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