Lieblingsort Kirche?

Foto: Andre Zelck (GbR)
„Wie lieb sind mir deine Wohnungen, HERR Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.“ Voller Begeisterung über den Tempel war der Beter des Psalms 84, aus dem diese Worte stammen. Im Hause Gottes fühlte er sich wohl, dort freute er sich seines Lebens und des lebendigen Gottes. Im ersten Moment scheint das weit weg von uns heute zu sein. Doch wenn ich mir Zeit nehme und in mich gehe, dann kenne ich von mir selber etwas von dieser Freude am Hause Gottes:
Ich habe schon einige Umzüge in meinem Leben hinter mich gebracht. Wenn ich da an frühere Lieblingsorte denke, fallen mir schnell ein: mein Sessel im Zimmer, mein altes Hochbett aus Studententagen, tolle Parkanlagen, Fußballplätze, Urlaubsstrände, Bibliotheken - und Kirchen. Kirchen haben mich begleitet und geprägt, ganz unterschiedlich in verschiedenen Lebensabschnitten. Sie waren mir vertraute und „liebe“ Orte.
Ich erinnere mich an die Johanneskirche in Wuppertal, in der ich konfirmiert wurde. Viele Erinnerungen hängen an diesem Raum, egal ob ich dort als Helfer im Kindergottesdienst war, als Musiker im Jugendgottesdienst oder als ganz normaler Gottesdienstteilnehmer am Sonntagmorgen. Später bin ich mit meiner Frau dort getraut worden. Die Kirche ist eine sogenannte Notkirche, in der Nachkriegszeit aus gespendetem schwedischem Holz gebaut. Ihre Glasfenster nehmen Bilder aus dem Buch der Offenbarung auf.
Aus meiner studentischen Zeit kommen mir zwei Kirchen in den Sinn. Die eine habe ich ganz regelmäßig sonntags besucht, die andere ziemlich selten, aber immer wieder einmal. Die Apostelkirche in Eimsbüttel war in Hamburg „meine“ Gottesdienstgemeinde. Auf die letzte Minute war ich am Sonntagmorgen zum Gottesdienst da, das Feierabendmahl am Buß- und Bettag an langen Tischen in U-Form hat sich mir eingeprägt. Ein neues Glasfenster in der Kirche zeigt Apostel des 20. Jahrhunderts, Vorbilder des Glaubens; im Fenster sind sie in Form von Fotostreifen zu sehen. In Mainz hingegen habe ich die St. Stephanskirche immer wieder mal aufgesucht, aber keinen einzigen Gottesdienst dort mitgefeiert. Die besondere Atmosphäre des Raumes habe ich für mich genossen, sie hat mir beim Beten geholfen. Marc Chagall hat dort mit seinen Kirchenfenstern biblische Geschichten dargestellt, und vor allem hat er den Raum in ein unbeschreibliches Blau getaucht, das die Kirche zu einem ganz besonderen Ort der Andacht für mich gemacht hat.
Ich könnte weiter erzählen. Tatsächlich knüpfen sich für mich viele Erinnerungen an Kirchen als besondere Lieblingsorte, und das liegt sicherlich nicht nur daran, dass ich Pfarrer bin. Mir kommt der Psalm beim genaueren Nachdenken jedenfalls trotz seiner Fremdheit bekannt vor. „Wie lieb sind mir deine Wohnungen, HERR Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.“
Kirchen wie die, die ich beschrieben habe, geben mir bis heute einen (Vor-) Geschmack auf den Himmel. Sie lassen mich einen Moment den Alltag vergessen und helfen mir doch, ihn noch besser zu meistern. Natürlich ist Gott überall zu finden und nicht in Kirchgebäude eingesperrt. Als besondere Orte weisen sie mich aber auf eine andere Dimension meines Lebens hin, bieten Schutz und Geborgenheit für den schönen Gottesdienst. Sie eröffnen mir Kraft aus dem lebendigen Gott. Der Psalm 84 endet mit genau so einem Bekenntnis: „ HERR Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!“
Pfarrer Andreas Müller